Thom Yorke von Radiohead nimmt auf seinem vierten Soloalbum „Anima“ den Herbst vorweg. Ein karger, zerbrösmelter Bewusstseinsstrom zwischen Beklemmtheit und Weltangst.

Beweisen muss er nach beinahe 30 Jahren Radiohead ja gar nichts mehr. Stilbildend, mutig und progressiv im wahrsten Sinn des Wortes: check, check und check! Solo backt er auf „Anima“ mit kleineren Förmchen. Und die sollten eigentlich gar nicht erst sein, litt er doch unter Writer’s Block. Doch hat er mit seinem langjährigen Produzenten Nigel Godrich all die angehäuften Songfragmente nun zusammengesetzt. Was zu Zeiten von „Kid A“ revolutionär war, ist hier reine Pragmatik. Songs sind also kaum zu hören, eher Reflexionen über seine Befindlichkeiten.

Der Opener „Traffic“ kommt noch ganz lüpfig daher, doch bald wird es psychotisch in Grau. Erst uneinladend, entwickelt das Album im Folgenden nach und nach Faszination. Die Muster bleiben sich durchwegs ähnlich: Über simple Rhythmuspatterns hören wir mal pulsierende, mal schwebende Synthesizer und mehrstimmige Gesangsharmonien. Im Stück „The Axe“ schleichen sich gespenstische Horrorfilmsounds im Stile John Carpenters heran, vielleicht ein Überbleibsel seines Soundtracks zum Film „Suspiria“ von 2018.

Auch Andeutungen von dramatischer Grösse lässt Thom Yorke geschehen. „Not The News“ im besonderen wirkt wie eine Skizze für einen grossen, epischen Radiohead Song. Gegen Ende wird die Angelegenheit wieder zugänglicher, fast schon Musik für die Afterparty. „Impossible Knots“ ist Dub in Elektro und „Runawayaway“ im Vergleich zum restlichen Album richtig tanzbar. 

Natürlich ist der Albumtitel ein Begriff aus dem Vokabular von Sigmund Freud. Der Veröffentlichung gingen Inserate von „Anima Technologies“ vor. Diese ist eine von Yorke fingierte Firma, welche eine Traumkamera erfunden hat, die verlorene Träume wiederherstellen kann, aber leider wegen zweifelhafter Geschäftsführung dichtmachen musste. So ganz hat er seinen Humor also nicht verloren.

Tiefenpsychologischer Elektrorumpel 8/10

Marc Flury

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