Als die Welt in Ordnung schien, versicherte uns Trent Reznor: Sie ist es nicht. Sein von der eigenen Depression getriebenes Opus Magnum hinterliess Spuren – bei School Shooter und Johnny Cash. Heute geht es dem Nine Inch Nails Frontmann wieder besser.

Bereits mit seinem Debütalbum «Pretty Hate Machine» und der Nachfolge-EP «Broken» hatte sich Reznor durch sein Projekt Nine Inch Nails in musikalischen Kreisen einen Namen gemacht. Als jemand, der dem brachialen Industrial-Sound von Acts wie Skinny Puppy oder Throbbing Gristle etwas leicht verdaulichere Melodien und Strukturen verpassen konnte. Und damit auch ein Publikum anzog, dass nicht nur mit Lederknebeln und aufgeritzter Brust im Konzertkeller erscheint.

Reznor hatte soeben seine erste grosse Runde im Rampenlicht gedreht, als er sich für sein nächstes Album an einen geradezu mystisch düsteren Ort der US-Folklore zurückzog: 10050 Cielo Drive in Los Angeles. 1969 starb dort die Hippie-Ära. Als Mitglieder von Charles Mansons Family die schwangere Schauspielerin Sharon Tate und ihren engsten Freundeskreis auf entsetzliche Weise ermordeten. Nun richtete sich dort der 27-jährige Trent Reznor sein Aufnahmestudio ein. Er arbeitete für die nächsten zwei Jahre an neuen Songs und zoffte sich mit der Plattenfirma um deren Release. Heute würde man Trent Reznor für diesen Stunt womöglich als «Edgelord» bezeichnen: Eine Person, die mit ihrem brachial-finster inszenierten Nihilismus derart bemüht provozieren will, dass es an Selbstparodie grenzt. Doch hey, man muss ja schliesslich den Pressetext mit Fun Facts für die eigene Legendenbildung füllen.

Ob es nun an den Geistern von Sharon Tates Worst Cocktail Party Ever lag oder an Trent Reznors eigenen Dämonen: «The Downward Spiral» geriet zu einem vielschichtigen und brillanten Konzeptalbum, dessen Protagonist die verschiedenen Stufen von mentalem und körperlichem Zerfall durchmacht. Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll sind hier nicht mehr länger ein Ausdruck von purem Hedonismus, sondern die Auslöser und Begleiterscheinungen des persönlichen Untergangs.

Doch aller kompromisslosen Brutalität zum Trotz: Reznor hatte auf «The Downward Spiral» sein Händchen für den eingängigen Sound nicht geopfert, sondern gar noch verfeinert. Songs wie «Closer» oder «March of the Pigs» werden von einer geradezu unwiderstehlichen Funkiness umspielt, die das Kratzen dieser rostigen Nägel auf einer Wandtafel überhaupt erst erträglich machen. Dementsprechend geriet das Album zum Sensationserfolg: Drei Millionen verkaufte Exemplare, Platz 2 der US-Billboard-Charts – einzig getoppt von Soundgardens «Superunknown». Eine verdammt gute Hitparaden-Woche für alle, die den Rucksack zum nächsten Lollapalooza Festival bereits gepackt hatten.

Dank dem kommerziellen und kritischen Erfolg von «The Downward Spiral» wurde Industrial Rock endgültig Teil der kulturellen DNA der 1990er Jahre. Kurz darauf von Künstlern wie Marilyn Manson plakativ verpoppt und schliesslich durch Bands wie Filter und Stabbing Westward endgültig für den Soundtrack von «Buffy the Vampire Slayer» weichgespült. Der Strahlkraft von «The Downward Spiral» tat dies in den folgenden Jahren keinen Abbruch. Vielmehr blitzte sie immer mal wieder auf, wenn das Buch der amerikanischen Geschichte zu dunklen Kapiteln blätterte.

Wie 1999, als zwei Teenager an der Columbine High School einen Amoklauf anrichteten und sich die mediale Diskussion um Mental Health noch auf «Hätten die Täter halt mal etwas besser gelaunte Musik hören sollen!» fokussierte, da in einem ihrer Tagebücher NIN-Lyrics gefunden wurden. Und auch als die USA von einer ihrer grössten Ikonen verlassen wurde, spielte ein Song von «The Downward Spiral». Mit seiner so erschöpften wie erhabenen Coverversion von «Hurt» gab Johnny Cash seinen eigenen Abgesang – das Musikvideo, wie er den Tränen nahe auf sein eigenes Leben zurückblickt, sein letztes bleibendes Bild wenige Wochen vor seinem Tod.

Michael Rechsteiner

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