Ein Album, 65 Tote und fast jeder Song ein Kinofilm. Mit «Murder Ballads» katapultierte vor 25 Jahren Nick Cave & The Bad Seeds in die an MTV angeschlossenen Kinderzimmer. Das etablierte den Australier als musikalischen Charon, der uns für eine Münze in der Jukebox zwischen Leben und Tod gondeln lässt.

Er kommt langsam, er kommt plötzlich. Weich eingebettet in Romanze oder ausgelöst durch betrunkene Raserei. Aber er kommt, der letzte Augenblick in meinem und in deinem Dasein. Und er ist bereits da – in jeder der zehn Mörderballaden, welche Nick Cave und seine Bad Seeds am 5. Februar 1996 als ihr neuntes Studioalbum veröffentlichten.

Doch trotz dem morbiden Konzept fand sich die Band nach diesem düsteren Release plötzlich im Scheinwerferlicht der Popwelt wieder. Zu verdanken war das dem Duett «Where the Wild Roses Grow» mit Landsfrau Kylie Minogue, die hier ihrem Image als dauerquietschfidele Discoqueen eine wohlkalkulierte Bauchwunde verpasste. Allem Karaoke- und «DSDS»-Play der letzten Jahrzehnte zum Trotz: Bis heute ist der hinreissende Schmachtfetzen ein, nun ja, untötbarer Hit.

Schmiegt sich der Tod in «Where the Wild Roses Grow» an die ZuhörerInnen wie eine flauschige Katze, unter deren Gewicht du langsam erstickst, so ist das knapp 15-minütige «O‘Malley‘s Bar» ein geradezu obszönes Massaker und hört sich in seiner cineastischen Brutalität an wie ein atemloser Elevator Pitch von Quentin Tarantino. Dem gegenüber steht das zerbrechliche «The Kindness of Strangers» und dessen herzzerreissendes Wimmern.

In «The Curse of Millhaven» zücken die Bad Seeds dagegen wieder ihre Säbel und rasseln sich durch einen wilden musikalischen Ritt. Neben Nick Caves bildgewaltiger Sprache ist es insbesondere die melodische Vielseitigkeit seiner Komplizen, welche «Murder Ballads» zu einem Sinnesrausch macht. Erst recht, wenn sich am Ende der Chor (u.a. mit Shane MacGowan und PJ Harvey) zum versöhnlichen «Death Is Not the End» versammelt und sich in den Armen liegt – froh darüber, das Bisherige er- und überlebt zu haben. Sowie furchtlos gegenüber dem grossen Gleichmacher, welcher uns eines Tages unweigerlich im letzten Tanz über den Hügel zerren wird.

Frisch erschienen ist inzwischen das neue Album «Carnage», das Nick Cave zusammen mit dem Komponisten Warren Ellis aufgenommen hat:

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