Der Abschluss der thematisch lose zusammenhängenden Gullvag Trilogie ist gelandet. Nach „The Tower“ und „The Crucible“ runden die Motorpsycho die letzten drei Jahre mit „The All Is One“ standesgemäss auf höchstem Niveau ab.

Erst kurz eine Anmerkung zu „Gullvag Trilogy“. So geheissen, weil der norwegische Künstler  Hakon Gullvag die Covers dieser drei Alben gestaltete. Musikalisch entdecken wir aber doch genug Unterschiede zu den beiden Vorgängern.

Kenner der Band erwarten jedes neue Album mit Hochspannung. Denn trotz unverkennbarem Charakter weiss man nie genau, was sie als Neues abliefern. Stilistisch sind sie beinahe überall zuhause und jonglieren locker Psychedelischen Rock, Jazz, Experimentalmusik und straighten Pop durcheinander. Das einzige, womit die Band nach 30 (!) Jahren noch überraschen könnte, wäre ein normales, so ganz gutes, leicht fassbares – also sozusagen ein „ordentliches“ – Album.

Davon ist aber nichts zu vermelden. Ein Doppelalbum ist es wieder mal geworden, entstanden in zwei zeitlich, persönlich und konzeptionell unterschiedlichen Phasen. Die erste fand statt im September 2019 mit Gastgitarrist Reine Fiske, welcher schon auf „Still Life With Eggplant“ und „Behind The Sun“ dabei war. Daraus ergaben sich acht Songs in bester Motorpsycho Manier. Tolle Hooklines in leicht progressivem Kleid, dazwischen entspannte akustische Kleinode. Remineszenzen an die 1970er sind ebenfalls auszumachen, ohne verstaubt retro zu wirken.

Das 70er Gedöhns hält sich wie immer bei ihnen in geschmackvollen Grenzen. Nicht Bombast oder Kitsch erinnern an Led Zeppelin oder Yes, sondern die unkonventionellen Songstrukturen, die ungeraden Grooves und ihr „sich stur einen Dreck um radiofreundliche Songlängen Scheren“. Dazu ein Mellotron hier und die Moog Basspedale da, schon fliegen wir durch das geliebte Motorpsychoversum.

Einiges klingt ganz vertraut. „The Magpie“, „Dreams of Fancy“ oder „The Same Old Rock (one must imagine Sisyphus happy)“ sind Motorpsycho in alter Tradition. Heisst: zugängliche aber doch unabsehbare Melodieführungen mit zwei drei grandiosen Wendungen verfeinert. Das friedliche, ja liebliche „The Dowser“ glänzt dazwischen mit seiner beinahe herzigen Einfachheit. Der letzte Song „Like Chrome“ wiederum erscheint gleichzeitig als strukturell normalster Song, nimmt aber klanglich für Motorpsycho recht ungewohnte Wege. Die Verse rufen Erinnerungen an David Bowie so um 1976 wach, im Refrain und besonders ab der Hälfte scheinen John Paul Jones und Jimmy Page Pate gestanden zu haben.

Bassist Bent Saether hat dieses Mal alle Texte verfasst. Seit „The Tower“ fällt eine Abwendung von Lyrik der Lyrik wegen auf. Die letzten drei Jahre haben auch ihn geprägt. Auf dieser Platte äussert er sich so politisch, oder sagen wir realitätsbezogen, wie selten zuvor. Ist ja auch älter und vor einem Weilchen Vater geworden. „Like Chrome“ kann als ein halb besorgtes, halb inspirierendes „father-to-son“ Gespräch interpretiert werden. Der Titelsong nimmt klar Stellung zum fehlenden öffentlichen Diskurs, zu ausschliessendem schwarz-weiss Denken und dem Verlust solidarischer Visionen. Politfiguren kriegen dabei deutlich ihr Fett weg. Jedoch weniger in einem agitativen, sondern eher einem zu Besinnung aufrufenden Ton. Könnten wir also abschliessen mit „eine wie erwartet tolle Platte auf gewohntem Motorpsycho Niveau“.

Aber das wäre nur die halbe Wahrheit!

Wie eingangs erwähnt gab es doch zwei Phasen, die zu diesem Release führten. Die Zweite geschah im vergangenen November mit Ola Kvernberg und Lars Horntveth. Ola ist Violinist bei Steamdome und breit vernetzt in der norwegischen Avantgardeszene. Lars spielt sonst bei den Bands Jaga Jazzist – welche ebenfalls grad ein Album veröffentlicht und schon früher mit Motorpsycho zusammengearbeitet hat – und Amgala Temple.

Vorausgegangen ist diesem Teil des Albums eine Auftragsarbeit für ein Festival in Trondheim. Die wurde nach der Aufführung für interessant genug befunden, um es – im Studio weiter ausgearbeitet – offiziell zu veröffentlichen. Diese andere Hälfte des Albums lautet auf den Namen N.O.X. und ist aufgeteilt in fünf Unterkapitel. Und was wir hier hören, sprengt selbst von Motorpsycho bekannte Rahmen. 10 bis 20 minütige Epen haben sie uns schon oft geboten. Aber dieser Trip über satte 42 Minuten,  der lässt sich – Platitüdenalarm! – kaum beschreiben, nur erleben.

Versuchen wir es dennoch:

I – Circles Around The Sun, part I: Verhangene Synthesizer und ein Pianoloop schleichen sich an. Ein Fender Rhodes federt einen leichten Groove darunter. Eine Bratsche oder ein Cello gibt bald das melodische Thema an. Mit Drums und verzerrtem Bass im wechselnden 7/4 und 5/4 Takt nimmt die Musik Fahrt auf. Beschwörende Gesangslinien in „jazzigen“ Harmonien setzen ein und dann folgt der erste Höhepunkt. Das Stück scheint sich wie aufzulösen und Ola Kvenberg lässt seine Violine fliegen über befreite Drums und Bassgitarre. Schlicht atemberaubend.

II – Ouroboros: Wie die namensgebende, sich in den Schwanz beissende Schlange, dreht dieses Stück endlos um sich selbst. Ein Groove, eine Tonart, ein Tempo. „Snah is God“ ist ein Insidergag der Fans. Snah, der Gitarrist, entkräftet diesen über die nächsten neun Minuten garantiert nicht. Eine Hochtempoachterbahnfahrt, die einfach nicht aufhören will. Der Song scheint kontinuierlich zu wachsen, Klangschicht über Klangschicht wird gelegt. Dennoch ein plötzliches Zurücknehmen und wir finden uns rhythmisch in Santana oder Can Gefilden. Repetitive Drumpatterns, währenddem der Song langsam wieder erstarkt und noch einmal aufdreht bis zum Ende mit einem fantastischen Keyboardhook, welcher das Ganze noch krönt. 

III – Ascension: Verschnaufpause. Das Tempo ist raus. Gitarrenakkorde umtanzen sich schwebend. Andere Instrumente suchen sich Platz und flirren drumherum. Es steigert sich ein wenig, fällt dann wieder ab und fliesst dann rüber in:

IV – Night Of Pan: Der längste Part dieses ganzen Wahnsinns beginnt ganz sanft, wenn auch bisschen unheimlich. Hübsch erwacht alsbald die Hauptmelodie des ersten Teils wieder. Die Musik wandert dahin, wächst dann doch, bis sie in eine symphonische Grösse ausbricht. Darunter legen Drummer Tomas Järmyr und Bassist Bent Saether einen Groove hin von der Sorte, die Tool vielleicht in 36 Jahren mal einfällt. Wie befinden uns nun etwa in der Mitte von N.O.X. und haben wohl den Anfang längst vergessen und keine Ahnung, wohin diese Reise noch gehen mag. Die Zeit scheint stillgestanden zu sein. Alles ist Klang und Raum und gleichzeitig nichts davon. Bis der Endspurt einsetzt. Tomas drischt kurz auf die Becken und Lars haut darauf ein fantastisches Keyboardsolo hin, begleitet von Mellotronchören. Ist das noch Rock? Ist das Filmmusik? Ist das Jazz? Wen interessiert’s! Es ist ein Trip!

V – Circles Around The Sun, part II: Das war’s jetzt aber, oder? Nein, denn so richtig laut wurde es ja gar noch nicht. Die letzten fünf Minuten sind totaler Freak out. Die „Strophe“ des „part I“ wird nochmal aufgegriffen, dekonstruiert, verwüstet. Die Band setzt hier zum wildesten Ritt überhaupt an. Nach etwa 35 Minuten Spielzeit schaffen sie es, die bis hierhin aufgestaute Energie zu einem spektakulären Finale zu entfesseln. Riff reiht sich an Break an Solo an Gesangspart an Violinenmelodie, die Ideen überschlagen die Ereignisse und umgekehrt.

Dann ein Knall. Und Schluss.

Eigentlich.

Nun ist es aber so, dass Motorpsycho Motorpsycho sind und es einfach immer anders machen. Dieses 45 minütige Monster und die anderen acht Songs verteilen sich nicht, wie man es vermuten sollte, auf die 2 Platten bzw CDs. N.O.X. wurde mittendrein gesetzt. Heisst, „The All Is One“ beginnt und endet mit jeweils vier vergleichsweise konventionellen Songs. Nach diesem ausserkörperlichen Trip geleitet uns die Band also nochmal zurück ins Sichere.

Bislang hat die Band ihre „normalen“ und eher experimentellen und ausufernden Musiken getrennt veröffentlicht. Man denke da an die Alben „Begynnelser“ (Theatervertonung), „In the Fishtank“ (Jazz mit Jaga Jazzist), „The International Tussler Society“ (zwei Country/Westcoastrock Alben unter ebendiesem Namen), „The Death Defying Unicorn“ (ein Konzeptalbum mit Musikern aus Jazz und Klassik) oder „En Konsert for Folk Flest“ (ihr wohl abgedrehtestes Album mit Gesang in norwegischer Sprache von einem etwa 40köpfigem gemischten Chor). „The All Is One“ aber zeigt erstmals beide Seiten dieser unglaublichen Band auf einem Album.

Spaceboogie aus Nichtsistunmöglichland: 10/10

Marc Flury

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