James teilten sich die Bühne mit den Smiths. Und gehörten der Speerspitze der „Madchester“-Bewegung an, überlebten Streitereien, Faustkämpfe sowie den Britpop. Deshalb kamen sie in der Gegenwart an, ohne jemals peinlich zu sein.

Ihren Underdog-Status hat sich die Band dabei über all die 36 Jahre immer irgendwie bewahrt. Das 15. Studioalbum fügt sich nahtlos und auf hohem Niveau in den Band-Katalog ein. Durchaus nicht selbstverständlich für alternde Rockmusiker.

Abgesehen von einigen elektronischen Spielereien und zeitgenössischen Lyrics (etwa der perkusiven Anti-Trump-Hymne „Hank“) könnte „Living in Extraordinary Times“ praktisch in jedem der letzten 36 Jahre Bandgeschichte erschienen sein. Dies ist durchaus als Kompliment zu verstehen. Denn das eigene Erbe würdevoll zu verwalten, ist diffizil. Wiederum welche Band mit so vielen Jahren auf dem Buckel muss sich nicht anhören „früher waren die aber besser“.

Die Herren um Tim Booth bleiben sich selber treu, ohne zu langweilen. Sie schreiben Stadionhymnen an der Grenze zum Kitsch, ohne genau diese zu überschreiten.  Zum Beispiel Songs wie „Coming Home Part 2“, „Extraordinary Times“ haben den Schalk im Nacken. Und gleichzeitig einen politischen Mahnfinger, der niemals derart überdimensioniert wirkt, wie bei Kollege Bono.

Wenn wir schon dabei sind: einem solch gefühlsschwangeren und doch nicht klebrigen Song wie „Leviathan“ rennen U2 seit Jahren vergeblich hinterher. „Living in Extraordinary Times“ mag kein Album für die Ewigkeit sein, aber es hat bei aller musikalischen Simplizität diesen hohen Wiedererkennungswert, den James ausmachen. Alles wird anders, nur James bleiben gleich und bieten uns einen sicheren Hafen in unsicheren Zeiten.

7/10

Kaspar Hunziker

Wie hat dir der Artikel gefallen?
[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]