Kaspar Hunziker hat für Piratenradio.ch aussortiert und sich festgelegt. Entstanden ist eine Auswahl von fünf Alben, die ihn 2025 geprägt haben, weil sie sich dem schnellen Konsum entziehen. Musik mit Gewicht, mit Haltung und mit dem Mut zur Langsamkeit. Zwischen nordischer Melancholie, Hamburger Indierock, sanftem Trotz, dunklen Klanglandschaften und epischer Songwriter-Offenheit spannt sich ein Jahresrückblick, der zeigt, dass Relevanz nichts mit Lautstärke zu tun hat, sondern mit Tiefe. Musik, die nicht vorbeizieht, sondern bleibt.
SivertHøyem – Dancing headlights
Nur ein Jahr nach «On an Island» legt der Norweger mit der unvergleichlichen Baritonstimme nach. «Dancing Headlights» ist dabei deutlich opulenter als die vorherigen Soloalben des Madrugada-Frontmanns. Die Grenzen zu seiner Hauptband, insbesondere zu deren letztem Album «Chimes at Midnight», verschwimmen in der nordischen Winternacht. Da ist viel Melancholie, etwas Tragik und auch Hoffnung – verpackt in kantige und gleichzeitig wunderbar eingängige, balladeske Songs.
Herrenmagazin –Du hast hier nichts verloren
Das Universum hat einiges versucht, um dieses Album zu verhindern. Vergeblich. Nach neun Jahren Pause sind die Hamburger zurück, und zwar genau so, wie man sie vermisst hat. Der vertraute Indierock wirkt etwas offener, einen Tick poppiger, ohne seine Ecken einzubüssen. Hinter scheppernden Drums und schrammelnden Gitarren lauern Melodien, die sich spätestens nach dem zweiten Durchgang festsetzen. Deniz Jaspersen liefert dazu Zeilen, die man am liebsten sofort an jede verfügbare Betonwand schreiben würde. Kurz gesagt: Ja, das hier ist immer noch das einzige Herrenmagazin, das die Welt wirklich braucht.
Tocotronic – Golden Years
Hamburg hat nicht nur Herrenmagazin, sondern auch Tocotronic. Diese musikalische Institution zeigt mit Golden Years, dass Relevanz keine Frage des Alters ist. Die Zeiten sind alles andere als golden, doch Tocotronic reagieren darauf mit sanftem Trotz und genau der richtigen Dosis Heiterkeit. Ein Album, das ermutigt, ohne zu beschwichtigen. Musikalisch präsentiert sich die Band vielseitiger denn je: Der luftige Folk des Titeltracks kippt unvermittelt in ungestümen Rock, zwischendurch fühlt man sich wie in einem Italo-Western gelandet – Maultrommel inklusive. Ein Werk, das wach bleibt und wach hält.
Stahlberger – Immer dur Nächt
Stahlberger entfernen sich auf Immer dur Nächt weiter von klassischen Popstrukturen als je zuvor. Wer unbedingt eine Schublade braucht, könnte von einer St. Galler Spielart des Krautrock sprechen. Das Album fordert Zeit und Aufmerksamkeit, es erschliesst sich nicht sofort, sondern wächst mit jeder Drehung. Dunkle, stark rhythmusgetriebene Klangfarben treffen auf die gewohnt lakonisch vorgetragenen Texte und formen ein überwiegend melancholisches, stellenweise dystopisches Gesamtbild. Musik, die nicht gefallen will, sondern wirkt.
Jeff Tweedy – Twilight Override
Der Wilco-Frontmann fordert sein Publikum heraus. Twilight Override ist nicht weniger als ein Tripelalbum – veröffentlicht in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit oft zur Mangelware erklärt wird. Doch Jeff Tweedys Hörerinnen und Hörer dürften eher in der viel zitierten Generation X zu finden sein, und diese wird an den 111 Minuten ihre Freude haben. Das Werk ist ambivalent, unergründlich, kritisch und immer wieder überraschend witzig. Musikalisch verweigert es sich konsequent der klaren Einordnung, lehnt sich aber in vielerlei Hinsicht wohltuend an das Schaffen von Wilco an. Ein Album, das nicht effizient sein will, sondern reich.






