Absolut nicht depressiv
IGGY POP – Post Pop Depression
publiziert: Donnerstag, 24. Mrz 2016 / 14:41 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 24. Mrz 2016 / 17:11 Uhr

Es begann mit einem unverbindlichen SMS und endete in einer sensationellen Kollaboration. Im Geheimen von Januar bis März 2016 produziert, erscheint aus dem Nichts das neue Album von Iggy Pop, unterstützt von Josh Homme und Dean Fertita von den Queens Of The Stone Age und Matt Helders von den Arctic Monkeys.

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Eine spannende aber noch unterschätzte Tatsache in der Populärmusik ist, dass wir uns zum ersten Mal in einer Zeit befinden, in welcher sie nicht mehr nur von Mittzwanzigern gemacht wird. Popmusik war lange die Bastion der Jugend gegen das Establishment der Erwachsenen. Alternde Rocker waren gar nie vorgesehen. Was aber wenn eine Anti-Establishment Ikone wie Iggy Pop in die Jahre kommt? Was hat er denn noch zu sagen?

Nun, er hat ein ganzes Leben zu erzählen. Ein Leben eines Iggy Pop noch dazu! Der auch nicht mehr ganz so junge Josh Homme hat mit dem letzten Queens of the Stone Age Album „...Like Clockwork“ selber sein gereiftes, sprich introspektives Album gemacht. Diesen Weg scheint er nun Hand in Hand mit Iggy Pop weiter zu gehen. Sein Input ist auf „Post Pop Depression“ klar auszumachen. Vom Klangbild bis zur Melodieführung schien er die Regie übernommen zu haben. Es sei auch auf eine oft übersehene Homme-Qualität verwiesen: sein exzellentes Basspiel. Er groovt auf den Punkt, aber doch seltsam in seiner ihm ureigenen Polka beeinflussten Hibbeligkeit.

„Post Pop Depression“ dreht sich um existenzialistische Fragen alter Männer. Iggy Pop ist 68 und blickt auf ein selbst für Rock'n'Roll Verhältnisse hoch bewegtes Leben zurück. Er war zuoberst und zuunterst. Doch ist hier kein Speuz an Altherrengejammer auszumachen. Cool, sexy, souverän und witzig gerät diese Platte zu einer tiefschürfenden Kapriole. Die Songqualität steht eh ausser Frage und einen oder zwei über den Durst getrunken haben sie gewiss beim launigen „Sunday“. Ein Highlight mit wackelnden Hintern, herrlich zynischem Text und überkandidelten Damenchören.

Der Humor ist ebenfalls präsent bei „German Days“. Zum Songtitel wohlgewählt steifzackige Riffs begleiten vermutlich Iggys Erinnerungen an seine Jahre in Berlin. „Gardenia“ ist ein unwiderstehlicher Ohrwurm, der über den Titel eine Referenz an Kyuss sein mag, vom Charakter her jedoch an die besten David Bowie Songs erinnert.

Ach ja Bowie...: „American Valhalla“ reizt kurz mit „China Girl“ und wandelt sich dann zu einer dunklen Elegie über das Ende des Weges und was an selbem übrig bleibt. In der Voraussetzung ähnlich aber wütend abrechnend kommt der Abschlussong „Paraguay“ daher. Als letztes Statement auf dem Album explodiert Iggys grundehrliche Attitüde: „Verängstigte Trottel, Ihr macht mich krank mit euren Laptops, die ihr nur zum anyonymen Gift und Galle Versprühen verwendet! Ich bin dann mal weg, dort wo die Menschen Menschen sind.“

Iggy meint, er interessiere sich mittlerweile für den Himmel, die Wolken, das Sein an sich und nicht mehr an das Gewürge, Gekämpfe und alles Habenwollen. Es könne also sein letztes Album sein. Das wäre ein Abtritt von ganz oben. Welchen wir alle anstreben mögen.

10/10

Marc Flury

(piratenradio.ch/)

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